Wer sie sind, wie sie leben

Sineb El Masrar wurde 1981 in Hannover geboren, ihre Eltern sind Einwanderer aus Marokko. 2006 gründete sie das multikulturelle Frauenmagazin Gazelle. Von 2010 bis 2013 war sie Teilnehmerin der Deutschen Islam-Konferenz. Sie wurde 2011 mit dem European Muslim Woman of Influence Award ausgezeichnet. Heute lebt sie in Berlin – nur um einige Stationen ihres Lebens zu skizzieren.

Muslimische Mädchen und Frauen in Deutschland nennt die Journalistin El Masrar flott ‚Muslim Girls‘ und schließt sich selbst mit ein. Sie lässt die Leser hinter den Schleier von Verallgemeinerungen und Vorurteilen blicken und zeigt die Vielfalt von Frauen, deren Herkunft, Bildung und Religiosität. Mit der deutschen Bevölkerung wünscht sie einen Umgang mit Respekt und auf Augenhöhe – egal, woran jemand glaubt oder nicht.

Sie geht kurz auf geschichtliche Aspekte ein, wie auf die Anwerbeabkommen in den 60er Jahren und beklagt, dass heute nur 20 % der Muslimas sich als Deutsche empfinden. Zugewanderte Eltern konnten in den ersten Jahren ihre Kinder nur wenig in der Sprachförderung unterstützen. Die Autorin wünscht sich bessere Konzepte zur Sprachentwicklung in Kita und Schule.

Ohnehin mahnt sie, den Unterrichtsstoff in Schulen so anzupassen, dass die muslimische Welt mehr einbezogen wird. Gern sähe sie so eine Entfaltungsfreiheit, wie Muslimas es selbst für richtig halten. Viele Themen kommen vor (Mode, Selbstwert, Medien …), auch problematische Themen wie Verschleierung, Beschneidung, Ehre, Gewalt gegen Frauen werden offen behandelt. Die Autorin kritisiert Filme bzw. Medienbeiträge, die ihrer Meinung nach von der Wirklichkeit weit entfernt sind, denn es gibt ein Leben jenseits dieser Schicksale und Katastrophen. Der Druck der Mutter, der Schwiegermutter auf die Tochter ist manchmal groß – oft ein Spagat zwischen Moderne und Tradition.

Muslimische Frauen schätzen das Lebensgefühl in Deutschland, das Gastfreundschaft und Familiensinn mit Freiheit und Geradlinigkeit verbindet. El Masrar profitierte davon, dass ihr die deutsche Mutter einer Schulfreundin bei der Vorbereitung von Klausuren behilflich war oder dass sie durch ihre deutsche Freundin die Schätze einer Bibliothek entdeckte. Sie fragt: Könnte es sein, dass wir tatsächlich gar nicht „anders“ sind als alle anderen?

Die Lebenswirklichkeit muslimischer Frauen wird vielfältig abgebildet. Der Islam als verbindende Religion kommt wenig vor. Ein Buch, das leicht lesbar ist und mit forsch vorgetragenen Wünschen nicht spart. Christliche Leser werden vermissen, wie für Muslimas ihre Gottesbeziehung aussieht.

Sineb El Masrar
Muslim Girls.
Wer sie sind, wie sie leben

HERDER 2015, Taschenbuch
ISBN: 978-3451067792

256 Seiten, 10,99 €
Erhältlich im Buchhandel