Muslime und Nichtmuslime treffen aufeinander. Eine Lehrerin, die an einer Schule mit verschiedenen Nationen arbeitet, berichtet. Nach ihrer Beobachtung muss zwischen kulturell-nationalen und islamisch-religiösen Aspekten bzw. Konflikten unterschieden werden.
Wenn Schüler in Streit geraten, muss dies nicht unbedingt mit dem muslimischen Hintergrund zu tun haben, sondern kann in erster Linie den nationalen und kulturellen Bereich betreffen. Ein Beispiel: Kurden und Türken. Manchmal reicht es aus zu wissen, dass das Gegenüber ein Türke oder Kurde ist und schon wird jedes Missverständnis auf dieser Ebene weiter diskutiert und ausgetragen. In den meisten Fällen geschieht dies verbal. An unserer Schule wird auf soziales Lernen sehr viel Wert gelegt. Daher sind massive Konflikte in unserem Alltag eher eine Seltenheit und beschränken sich oft auf kurzzeitige Beschimpfungen. Der Kurden-Türken-Konflikt wird von deutschen Kindern ohne Migrationshintergrund nicht aktiv mitgeschürt. Vielen von ihnen ist gar nicht klar, worum es überhaupt geht, und sie stehen eher etwas ratlos daneben.
Allerdings lassen sich einige Konfliktthemen ausmachen, welche auf den Unterschied zwischen muslimischem und nicht muslimischem Hintergrund zurück zu führen sind. Beim Thema „Die Entstehung der Welt“ können muslimische Schüler sehr emotional bis aggressiv reagieren; fremden Theorien setzen sie sofort entgegen, dass Gott die Erde erschaffen hat. Ich habe dieses Problem gelöst, indem ich der Klasse mehrere Schöpfungsberichte bzw. Theorien darstellte und betonte, dass jeder das Recht habe, das zu glauben, was ihn am meisten überzeuge.
Ebenfalls habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Ramadan ein großes Konfliktpotential in sich birgt. Manche nichtmuslimische Schüler fühlten sich benachteiligt, wenn sie, da sie nicht fasten, z. B. an den Bundesjugendspielen teilnehmen mussten, oder sie provozierten mit Aussagen wie: „Man ist doch bescheuert, wenn man bei der Hitze noch nicht einmal trinkt.“ Gerade die muslimischen Schüler, die sich auch sonst unfair und asozial verhalten, aber das Fasten sehr hochhalten, können hierbei sehr heftig reagieren, indem sie verbal attackieren. Schüler und Schülerinnen, welche generell ein soziales Verhalten zeigen, geraten nicht so schnell in Rage und „hängen ihr Fasten auch nicht an die große Glocke“.
Allgemein lässt sich feststellen, dass muslimische Schüler sehr emotional reagieren können, wenn sie ihren Glauben in Frage gestellt oder angegriffen sehen. Eine Kollegin, welche im Fach „Ethik“ hauptsächlich muslimische Schülerinnen und Schüler unterrichtet, hat mir bestätigt, dass manche der Kinder sehr auf ihre Religion versteift sind; die Auseinandersetzung mit Inhalten anderer Glaubensrichtungen gestaltet sich eher schwierig, weil andere Ansichten schnell als „falsch“ abgetan werden. Solche Konflikte können im Unterricht durch die Lehrkraft noch negativ verstärkt werden, wenn diese selbst nicht religiös fühlt und denkt und daher manche Emotionen nicht versteht. Mir helfen mein christlicher Hintergrund und mein Wissen über islamische Lehrmeinungen und Fakten, auf die Kinder einzugehen und Sachverhalte zu erklären.
Schülerinnen mit Kopftuch gehören zum Schul-Alltag. Viele nicht-muslimische Schüler gehen damit entspannter um, als man annehmen würde. Seltsamerweise wird das eher wieder ein Thema, wenn die Schülerin in der Klasse generell nicht gemocht wird.
KONFLIKTE MIT DEN ELTERN:
Konfliktfelder sind hier vor allem:
1. die Teilnahme der Mädchen an Klassenfahrten (schon ab der 5. Klasse). Meist wird bis zum Schluss nicht genau gesagt, ob das Kind mitfahren darf oder nicht. Viele Kollegen werden „hingehalten“, und mit eigenartigen Entschuldigungsbriefen wird kurzfristig abgesagt.
2. Teilnahme an gemischtgeschlechtlichen Gruppenarbeiten, welche zuhause stattfinden. Selbst in der Schule wird das nicht immer gerne gesehen.
3. Sprachbarrieren.
4. Unkenntnis bezüglich unseres Schulsystems.
5. Nichteinhalten von Gesprächsterminen. Manchmal ist nicht klar, ob die Eltern nicht wollen oder sich einfach nicht trauen.
In unserer Schule wird sehr viel Wert auf das Elterngespräch gelegt. Wir arbeiten mit „ELSA“ („Eltern und Schüler aktiv“ – elsa@kreisgg.de) zusammen, einer Organisation, die Dolmetscher in verschiedenen Sprachen und Geschlechtern anbietet und bei Elterngesprächen dabei sein kann.
Eine Kollegin hat nun schon zum zweiten Mal einen Imam der Ahmadiyya-Gemeinde, Vater einer ihrer Schülerinnen, auf Klassenfahrt mitfahren lassen. Leider hat dies aber noch nicht viel Misstrauen abbauen können.
Vieles scheitert daran, dass Programme wie ELSA nicht wahrgenommen werden oder die Eltern sich nicht auf ein Gespräch einlassen. Leider herrscht oftmals wenig offene Kommunikation, was es schwer macht, in einen Dialog einzutreten. Gerade auch am Telefon zu verdeutlichen, was man von den Eltern will, ist sehr schwierig, wenn die Sprache nicht gesprochen wird.
MEINE TIPPS FÜR DIE ARBEIT AN DEN SCHULEN:
Bei Konflikten unterscheiden zwischen religiösen und nationalen bzw. kulturellen Unterschieden. Mit manchen unserer italienischen Schüler bzw. ihren Eltern haben wir die gleichen Konflikte, und sie haben meist einen christlichen Hintergrund.
Wissen über den Islam und verschiedene Strömungen hilft, im Unterricht, aber auch im Gespräch mit den Eltern Konflikte zu
vermeiden oder auch zu lösen. Generell lässt sich für die schulische Arbeit sagen, dass es unerlässlich ist, sich mit dem Islam und seinen Inhalten auseinanderzusetzen, da man dies dann im Unterricht besser aufgreifen kann – spontan oder thematisch vorbereitet.
Für die Kinder beten, da man nicht vergessen darf, dass wir Gottes Hilfe brauchen. Kinder können auch okkult belastet sein. Unser Gebet hilft ihnen und uns als Lehrkräften, mit Frustrationen besser umzugehen.
Emotionale Ausbrüche der Schüler nicht persönlich nehmen, sondern die Sachverhalte ansprechen – je nach Situation unter vier Augen oder in der Großgruppe; dabei das Ehrgefühl der Jungen bzw. das Schamgefühl der Mädchen nicht außer Acht lassen.
In den Austausch mit den Kindern treten und Interesse zeigen. Auch zum eigenen Glauben stehen. Ich habe bisher bei keinem muslimischen Kind Verachtung erlebt, wenn ich mich zu meinem Glauben bekannte, eher Erstaunen.
aus: Orientierung 2014-03; 26.08.2014
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