Mit den Worten des Propheten Jesaja beschrieb Jesus Christus seinen Auftrag: „Der Geist des Herrn ist auf mir … er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit auszurufen und … Zerschlagene in Freiheit hinzusenden“. (Luk. 4,18 nach Jes. 61,1) In der Einleitung zu den bekannten Zehn Geboten (2. Mo. 20,1-17) sagte Gott von sich selber: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe.“ Gott will Freiheit. Aber nicht immer führt er „aus dem Sklavenhaus“ oder ähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen heraus.
Zum Weglaufen
Hagar, die Ägypterin, war eine Magd Sarais, der Frau Abrams (Namen noch vor der Änderung – vgl. 1. Mo. 17,5.15). Ihre Herrin hatte offensichtlich sehr weitgehende Möglichkeiten, über das Leben ihrer Magd zu bestimmen. Trotz der Verheißung Gottes an Abram, ihn zu einem großen Volk zu machen (1. Mo. 12,2), war Jahr um Jahr vergangen, ohne dass seine Frau ein Kind zur Welt brachte. Da schlug Sarai ihrem Mann vor (1. Mo. 16,2): „Geh doch zu meiner Magd ein!” (Ob sie dachte, das Kind als ihr eigenes ansehen zu können, oder meinte, über diesen Umweg auf „wundersame Art” selber gebärfähig zu werden, ist aus ihren Worten nicht klar zu erkennen.) Als Abram sich damit einverstanden erklärte, gab Sarai ihre Magd Abram zur Frau – anscheinend ohne diese um ihr Einverständnis fragen zu müssen. Vielleicht war aber auch Hagar gerne damit einverstanden, weil sie sich davon einen sozialen Aufstieg versprach: Nebenfrau eines Mannes zu werden, der „sehr reich (war) an Vieh, an Silber und an Gold“ (1. Mo. 13,2).
Eigentlich fing die Sache an, ihren gewünschten Ver lauf zu nehmen. Aber „als Hagar sah, dass sie schwanger wurde“, erscheint es da nicht fast selbstverständlich, dass sie stolz wurde – und „ihre Herrin gering in ihren Augen“ (V. 4)? Verständlich, dass Sarai das unerträglich fand. Sie versuchte, das Problem Abram zuzuschieben – aber er schob es zurück: „Siehe, deine Magd ist in deiner Hand. Mache mit ihr, was gut ist in deinen Augen!“ Nun, nach Sarais Ansicht war es gut, ihre Magd zu demütigen: sie deutlich spüren zu lassen, wer die Herrin ist – und dass sie, die Magd, trotz Schwangerschaft nicht mehr ist als eine Magd. All das wird in 1. Mose 16 einfach erzählt, ohne das Verhalten der Beteiligten zu beurteilen. Weder der Sinn von Sarais Vorschlag, noch Abrams Zustimmung, noch Hagars Überheblichkeit werden kommentiert. – Die Situation eskalierte. Hagar meinte schließlich, das nicht mehr ertragen zu können. „Als Sarai sie aber demütigte, da floh sie vor ihr.“
Gefunden
In der Wüste, immerhin an einer Wasserquelle, wurde sie gefunden. Jemand hatte sie gesucht, war ihr nachgegangen. Ob sie diesen „Jemand“ sofort erkannte? Nach der Begegnung sagte sie: „Habe ich nicht auch hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat?“ Uns, die wir heute diese Geschichte lesen, wird er in 1. Mo. 16,7-11 viermal vorgestellt: der Engel des HERRN. Das „dämmerte“ anscheinend Hagar aber erst hinterher.
Dieser „Jemand“ sprach sie an, nannte sie bei ihrem Namen: „Hagar“. Bedeutete das schon, dass sie als Person angesehen und geachtet wurde? Auch ihre soziale Stellung und Zugehörigkeit wurden angesprochen: „Magd Sarais“. Und sie wurde gefragt: „Woher kommst du, und wohin gehst du?“ Anscheinend waren diese Fragen so Anteil nehmend gestellt, dass Hagar ganz offen reden konnte. „Woher?“ Diese Frage konnte sie beantworten: „Vor Sarai, meiner Herrin, bin ich auf der Flucht.“ – „.. und wohin gehst du?“ – Ja, wohin? Nur weg!? Ohne Perspektive? Ohne Zukunft? Weiter hinein in die Wüste? Sieht so der Weg in die Freiheit aus?
Auf die Frage, die Hagar selber nicht beantworten konnte, über die sie vielleicht sogar bei ihrer Flucht nicht einmal nachgedacht hatte („Nur weg!“), gab der Engel des HERRN ihr Antwort: „Kehre zu deiner Herrin zurück, und demütige dich unter ihre Hände!“ – Zurück unter die Hände der Herrin, zu der Abram gesagt hatte: „Deine Magd ist in deiner Hand. Mache mit ihr, was gut ist in deinen Augen!“ Sich demütigen unter die Frau, die sie gedemütigt hatte! Ist das nicht unmöglich?
„Und der Engel des HERRN sprach zu ihr“ (V. 10) – als wäre es bereits völlig klar, dass sie zurückgehen werde: „Ich will deine Nachkommen so sehr mehren, dass man sie nicht zählen kann vor Menge.“ Ihr wurde eine große Nachkommenschaft versprochen – d. h. für das Denken ihrer Zeit und Kultur: ihr wurde eine großartige Zukunft eröffnet. Es war nicht mehr egal, ob sie irgendwo in der Wüste umkam, spurlos verschwand. Ihr Leben würde nicht sinnlos versanden – sofern sie die einzige reale Möglichkeit ergriff, am Leben zu bleiben: Rückkehr zu ihrer Herrin und das Akzeptieren ihrer Stellung als Magd.
Zum vierten Mal setzte der Engel des HERRN zum Reden an (V. 11): „Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Ismael geben, denn der HERR hat auf dein Elend gehört.“ „Ismael“ – Gott hört. Der Name des Sohnes sollte sie immer wieder daran erinnern, dass Gott ihr Elend hört, dass er inmitten aller Schwierigkeiten, die auf sie zukommen, ein Ohr für sie haben wird. (Vielleicht war auch die Charakterisierung des Sohnes (V. 12) gedacht als Ermutigung für Hagar: „… er wird ein Mensch wie ein Wildesel sein; seine Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn, und allen seinen Brüdern setzt er sich vors Gesicht.“ – Er wird nicht untergehen, sondern sich durchsetzen können.)
Angesehen
Bis dahin hatte Hagar nur in einem einzigen kurzen Sätzchen die Frage: „Woher kommst du?“ beantwortet. Nun begann sie zu reden. Sie merkte, dass der HERR zu ihr geredet hatte, (von ihm hatte sie wohl bei Abram und Sarai
gehört) und sie gab ihm Antwort: „Du …“ (V. 13) Sie gab ihm einen Namen: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Martin Buber übersetzte – sehr nahe am hebräischen Text: „Du Gott der Sicht!“ Hagar selber erklärte diesen Namen. „Habe ich nicht auch hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat?“
Sie wurde gesehen, sah aber auch selber – wenn auch erst hinterher. Sie war zurückgeschickt worden, und war nun auch bereit zurückzukehren. Was hatte sich geändert? Sie hatte eine Perspektive für ihr Leben erhalten. Sie sollte nicht nur eine von Sarai und Abram ausgedachte Rolle spielen müssen. Sie selber würde Mutter einer unzählbaren Nachkommenschaft werden.
Wichtiger scheint ihr aber gewesen zu sein, dass sie Gott begegnet war, der sie angesehen hatte, dass sie dem HERRN begegnet war, der zu ihr geredet hatte. Denn davon sprach sie. Diesem HERRN gab sie einen Namen; ihn sprach sie mit „Du“ an. Wie auch in Zukunft Menschen mit ihr umgehen würden: sie wusste, dass sie nicht mehr alleine war, nicht mehr ohne diesen Gott, der sie sieht – und versteht – und ihr nahe ist. Sie hatte ihn erlebt als einen Gott, der sie liebte, der Gutes für sie plante – auch wenn er ihr einen Weg zumutete, der gewiss nicht einfach war: ‚Kehre zurück in Verhältnisse, die eigentlich „zum Fort laufen“ sind!’
Manchmal besteht der Weg in die Freiheit darin, dass Gott aus einem „Sklavenhaus“ herausführt. Manch mal besteht er darin, dass Gott mit hineingeht in Enge, Druck, Rechtlosigkeit und dass er mitten darin Leben, Zukunft und Würde schenkt. Gottlos vor Unfreiheit zu fliehen oder gegen sie zu kämpfen, kann genauso zerstörerisch sein wie ohne Gott in Unterdrückung leben zu müssen. Hagar hatte erfahren: alles kommt darauf an, den „Lebendigen, der mich gesehen hat“ (V. 14) zu kennen und mit ihm zu leben. Infolge dieser Ereignisse wurde ein Brunnen an einer ganz bestimmten Stelle auf dieser Erde so benannt – und „der Lebendige, der mich gesehen hat“ ist selber so ein Brunnen.
aus Orientierung: M 1 | 2023 # spezial
